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8. August 2017

Streit um das Familienunternehmen

Andrea Zinober in der Wiener Zeitung darüber, weshalb Machtverlust und Angst um das Lebenswerk die häufigsten Gründe sind, warum Eigentümer nicht loslassen können.

Wien. Familienunternehmen haben eine eigene DNA, einen eigenen Spirit und eine eigene Kultur. Das macht sie glaubwürdig und authentisch, was ihnen oft eine eigene Faszination verleiht. Meist geht es nicht um Gewinnoptimierung, sondern um nachhaltiges Denken und um die nächste Generation. Eine gelungene Übergabe eines Familienunternehmens hängt zu einem großen Teil vom Wollen der Betroffenen ab, sagen Unternehmensberater. „Wenn einer nicht will, dann kann die Übergabe scheitern, auch wenn alle anderen an einem Strang ziehen“, sagt Andrea Zinober, auf Unternehmensrecht spezialisierte Rechtsanwältin.

Im Laufe des Beratungsprozesses müsse man herausfinden, wer die Probleme verursache. Oft habe jemand, der über Jahre ein Unternehmen aufgebaut habe, Angst vor einem Machtverlust. „Dieser kann das meistens gar nicht aussprechen, weil er es selber noch nicht weiß“, sagt Zinober. Die Wertschätzung seines Werkes oder Zusicherungen, dass ihm regelmäßig berichterstattet werde, könne in solchen Fällen helfen.

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Frage des Geldes
Nicht selten gehe es auch schlicht und einfach ums Geld. Meist seien alle Familienmitglieder am Unternehmen beteiligt. „Jene, die die Macht haben, beschneiden oft nicht nur die Macht der anderen, sondern auch das Geld“, sagt Zinober. Es gebe Fälle, in dem einem Familienmitglied Geschäftsführerposten mehrerer Gesellschaften und damit die volle Verantwortung übertragen, ihm aber nur ein KV-Mindestgehalt zugestanden wurde. Eigentümer, die nicht loslassen können oder die Übergabe blockieren, könnten oft nur durch einen Anstoß von außen auf ihre Ressentiments aufmerksam gemacht werden und diese dadurch erst erkennen. Dieser Schritt sei wichtig, andernfalls würden ihnen Entscheidungen wie Gerichtsurteile vorkommen, die dann erst wieder bekämpft würden. Oft seien die Eigentümer für Argumente anderer nicht zugänglich. Doch was vorher funktioniert hat, muss nicht in der Übergabesituation funktionieren. Früher sei oft der Mann als Unternehmenschef aufgetreten, während die Frau sich um die Finanzen gekümmert habe und trotz gleichwertiger Funktion im Hintergrund geblieben sei. Dieses Rollenverhältnis ändere sich, jene Frauen und Töchter seien aber noch nicht in der Übergabe-Situation.

Die Angst, dass es mit dem Unternehmen nach der Übergabe bergab gehen könnte, sei in den meisten Fällen unbegründet. Berater müssen laut Zinober gut zuhören können, sehen, wie die Kommunikation aussieht, zum richtigen Zeitpunkt eingreifen und die Leute hin und wieder auseinanderschicken. „Und natürlich sagen, was rechtlich möglich ist“, sagt Zinober. „Betroffene sollten so rasch wie möglich Berater aufsuchen, spätestens, wenn die ersten Gespräche gescheitert sind“, sagt Zinober. Die meisten hätten dafür ein Bauchgefühl. „Die Betroffenen müssen es aber auch machen wollen. Wenn jemand nicht will, dann hilft die beste Beratung nichts“, sagt Zinober.

Unterschiedliche Regeln
In einem Familienunternehmen spielen verschiedene Sphären zusammen, die Familie, das Unternehmen und das Eigentum, sagt Bettina Fürlinger, Kommunikationsexpertin von Northcote.Mediation. Wenn die drei Sphären unterschiedlichen Regeln folgen, müsse jede einzeln betrachtet und für jede eine einzelne Strategie entwickelt werden. Das sei eine wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen Übergabeprozess.

Für Eigentümer sei es oft schwierig, das Zepter abzugeben, weil sie nicht wissen, was danach mit ihnen und dem Unternehmen geschehe. „Man kann ihnen eine Mentorenrolle geben oder sie bitten, für Beratung zur Verfügung zu stehen“, sagt Fürlinger. Die Übergabe sei immerhin eines der wesentlichsten Momente in einer Unternehmensgeschichte. Die Stichworte Wertschätzung, Wertschöpfung und Werterhalt seien in dieser Situation besonders wichtig. „Bei vielen Familienunternehmen ist die Kraft und Dynamik unglaublich“, sagt Fürlinger. Das Commitment sei da, viele wollen etwas für die Kinder hinterlassen. Die Nachfolger hätten oft unterschiedliche Interessen, einer wolle expandieren und investieren, der andere mehr am Golfplatz sein. „Das alles muss man klar abbilden“, sagt Fürlinger.

Schocks vermeiden
Ihre Aufgabe sei es, genug Raum zu geben, damit alles auf den Tisch kommt. Mit Coaching- und Mediationstools werde alles in einen klaren Plan gegossen und so eine eigenverantwortliche und einvernehmliche Vereinbarung getroffen, die auch rechtswirksam und im Endeffekt ein Unternehmensvertrag wird. Als Nebenprodukt entstehe oft eine Kommunikationsstrategie, die später für die interne und externe Kommunikation genutzt werde.

Ein Unternehmer sagte einmal bei einer Übergabe: „Am nächsten Tag ist man ein Niemand“, erzählt Fürlinger. Genau diesen „Pensionsschock“ gelte es zu verhindern. Die Übergabeproblematik habe sich in den vergangenen Jahren verändert. „Es gibt ein größeres Bewusstsein für Übergaben und deren Knackpunkte“, sagt Fürlinger. Es gebe mehr Bereitschaft, sich Mediatoren von außen zu holen und ein stärkeres Selbstbewusstsein bei der übernehmenden Generation. „Sie setzt sich mehr mit ihrer Rolle auseinander und wie sie sie gestalten will.“

Oberstes Ziel sei es, Geld und Nerven zu sparen, im schlimmsten Fall endet eine Übergabe vor dem Anwalt. Bei Übergabeprozessen könne viel Porzellan zerschlagen werden. Und wenn es sich um das Familienunternehmen handelt, ist es besonders schmerzlich. Ein Konflikt sei in der Regel auch ein Zeichen, dass ein Entwicklungsschritt ansteht. Und welcher dieser sei, das gelte es herauszufinden.

Let's make law.